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Philipps Impressionen

Mein erster Tag in Korea liegt hinter mir. Ich bin heute erstmals förmlich zur Gänze mit einer anderen Kultur in Berührung gekommen, gemeinsam mit meinen Freunden bin ich in Südkorea gelandet.

Das Erste, was mir sogleich auffiel, ist die immense Feuchtigkeit, welche schwer in der Luft zu stehen scheint. Es ist, als wandle man durch eine einzige Wand aus feuchter Wärme, welche sogar die Sonne am Durchdringen hindert. Richards und meine Gastgeberin ist Lisa, eine 24-jährige Koreanerin, die ein Freund von Miriam uns vermittelt hatte. Sie holte uns mit einem – wie ich vermute geleasten – Auto vom Incheon Airport ab, Andreas und Miriam waren zunächst bei anderen Bekannten, welche etwas näher bei Seoul wohnen, untergebracht.

Wir fuhren in wahrhaft halsbrecherischer Fahrt, die mit mehreren Beinahe-Unfällen gespickt war, an den gigantisch anmutenden Wohnblöcken und zahlreichen Industrieschloten vorbei. Anfangs vermutete ich noch, dass wir bereits inmitten der ca. 500.000 Einwohner zählenden Stadt Incheon sein müssten, was jedoch keineswegs der Fall war.

Das sich uns offenbarende Landschaftsbild ist geprägt von den über 20-stöckigen Betonwohnsilos, einer ausgeprägten Infrastruktur, insgesamt eine einzige Metropole, die sich eng an das Zentrum Seoul anzuschmiegen scheint. Die gelegentlich auftauchenden Reisfelder und wenigen grünen Fleckchen muten in dieser durch und durch vom Menschen geprägten Gegend eher grotesk an. Wenn ich bedenke, dass nahezu 40% der etwa 47.000.000 Südkoreaner in Seoul und Umgebung leben, dann relativiert sich dieses Bild allerdings.

Auf 8-spurigen und stark befahrenen Straßen näherten wir uns schließlich dem Zentrum von Incheon, dieses unterschied sich von der zuvor wahrgenommenen Umgebung lediglich anhand der vermehrten kleineren Geschäftchen und der nun noch dichter platzierten Wohnsilos. Vor einem jener Silos endete die Fahrt.

Unsere Gastgeberin, eine sehr nette junge Koreanerin, die an einer Grundschule Lehrerin für Englisch ist und daher diese Sprache auch fließend beherrscht, was unsere Verständigung sehr erleichterte, wohnt zusammen mit ihrer 12-jährigen Schwester und beiden Eltern im 15. Stock in einer 3-Zimmer Wohnung eines dieser Wohnblöcke.

Wir wurden sogleich freundlich begrüßt und machten mit der herzlichen Gastfreundschaft der Koreaner, sowie dem wohl gängigsten koreanischen Essen, dem sogenannten Kimchi, Bekanntschaft. Dieses Kimchi besteht aus gegorenem Chinakohl und ist mit einer roten Sauce scharf gewürzt, es wird als kalte Beilage und in mehreren Variationen zu den meisten Speisen dargeboten.

Dazu haben wir Bap gegessen, womit der klebrige Reis gemeint ist, der in Korea ebenfalls ein Grundnahrungsmittel darstellt. Eine klare Algensuppe sowie getrocknete Algenblätter und diverse Gemüsebeilagen rundeten unsere erste Mahlzeit auf koreanischem Boden ab.

Der Reis wird in einem kleinen Töpfchen serviert, welches einer kleinen Suppenschüssel ähnelt. Nun gilt es, die diversen Nahrungsangebote mittels den Essstäbchen mit dem Reis zu vermengen und diese sich daraufhin einzuverleiben, was gerade für den ungeübten Europäer anfangs eine wahrhafte Herausforderung darstellt, unseren stets aufmerksamen koreanischen Beobachtern aber immer wieder einen Grund zum ausgelassenen Amüsement ob der augenscheinlichen europäischen Unwissenheit bietet.

Das Essen bei Familie Kim vermittelte mir einen guten Einblick in die traditionelle koreanische Küche, eine mitunter scharfe und überwiegend pflanzliche Kost, die zwar häufig kalt und wässrig aber dennoch sehr genießbar ist und obendrein einen höchst gesunden Eindruck auf uns macht.

Die Fahrt von Incheon nach Seoul dauert mit der U-Bahn fast 1,5h und ist nicht gerade sonderlich abwechslungsreich. Das einzig angenehme am U-Bahnfahren ist die durch die Klimaanlage verursachte Kühle, welche Gelegenheit zum erfrischen bietet, auch wenn die rapide Umstellung von schwül-warm auf frisch-kalt empfindlicheren Gemütern gesundheitliche Probleme bereiten kann.

Seoul selbst ist ein kunterbuntes Gemisch aus kleineren Gassen und Einkaufsstraßen, gesäumt von ebenso kleinen, quirligen Läden und als krasser Gegensatz dazu die durch ihre enorme Größe und Plumpheit auffallenden Betonwohnblocks. Zahlreiche und teilweise architektonisch durchaus beeindruckende Wolkenkratzer der großen koreanischen Megakonzerne, wie z.B. Samsung oder Hyundai, recken sich im Zentrum von Seoul dem grau-weiß bedeckten Himmel entgegen und prägen die Skyline dieser florierenden Metropole.

Die Luft scheint im Zentrum noch dunstiger zu sein, wir vermuten, dass dies durch den Smog bedingt sein könnte, der auch die Sonne seit unserer Ankunft am Durchdringen behindert und weiter entfernte Gebäude stets in einem milchigen Schleier erscheinen lässt.

In einem traditionellen koreanischen Teehaus genehmigen wir uns eine heiße Tasse Tee. Heiß deshalb, weil hier durchaus sehr viel kalter Tee in den verschiedenartigsten Varianten getrunken wird, der mir selbst aber trotz aller Überwindung nicht munden will.

Man sitzt in diesem Teehaus in einem separaten Raum, die Schuhe müssen, wie in Korea überhaupt allgemein üblich ist, vor Betreten der Räumlichkeit ausgezogen werden. Der Tee wird auf kleinen Tischchen serviert, an denen man im Schneider- oder besser Yogasitz auf dem Boden hockt. Anfangs eine ungewohnte und für mich auch wenig gemütliche Weise, in der Gemeinschaft Tee zu trinken. Es kommt mir nach einer gewissen Eingewöhnungszeit aber so vor, als ob die Geselligkeit des Beisammenseins weitaus ungehemmter und direkter ist, wenn sich die Menschen in ganzer Person gegenübersitzen und kein hoher massiver Tisch eine trennende Barriere bildet.

Gegen Abend schlendern wir, um den Tag abzuschließen, noch etwas durch die stark belebten Geschäftsstraßen von Seoul. Dort werden die unterschiedlichsten Waren dargeboten, exotische Früchte, Fische und diverse Leckereien, und entsprechend lebhaft ist der Wechsel der Gerüche, welcher die Andersartigkeit des Warenangebotes noch zusätzlich unterstreicht. Ich habe mir vorgenommen, mich nach und nach durch die halbwegs essbaren Anteile dieser Waren hindurchzukosten, ich hoffe tunlichst, dass mein armer Magen diesem gewagten Vorhaben gewachsen sein wird. Vorerst bin ich noch damit beschäftigt, mich an die eher konventionellen Speisen zu gewöhnen, deren Schärfe den europäischen Geschmackssinn wohl vorerst zur Genüge auf die Probe stellt.

Die Fahrt zurück nach Incheon führt mir nochmals die dichte Besiedelung dieser Gegend vor Augen, die Wohnsilos reihen sich bisweilen fast lückenlos aneinander. Unsere Gastgeber sind sehr auf Reinlichkeit bedacht, so wurde mein Freund Richard fast schon penetrant dazu angetrieben eine Dusche zu nehmen und seinen Stoppelbart zu rasieren, auch die Kleidung wurde für schmutzig befunden und kurzerhand in die Waschmaschine verfrachtet. Auch ich musste dem Folge leisten, obwohl ich mich durchaus nicht schmutzig fühlte und meine Kleidung liebend gerne anbehalten hätte.

In der Tat scheinen die Koreaner sehr auf Reinlichkeit bedacht zu sein, der Fußboden, welcher zumindest einmal täglich gründlichst gewischt wird, darf niemals mit Schuhen betreten werden. Denn dort wird nicht nur sehr viel gesessen, auch Speisen werden in Schüsseln auf dem Boden zubereitet. Das könnte eine mögliche Erklärung für die praktische Notwendigkeit dieses ausgeprägten Hygienebewusstseins darstellen.

Wir schlafen im Zimmer der kleinen Schwester, extra für die Gäste aus dem fernen Deutschland hat sie ihr kleines Reich zur Verfügung gestellt. Sie ist im Übrigen ein sehr aufgewecktes Mädchen, erzählte sie uns doch eifrig die gesamte koreanische Geschichte im Schnellverfahren. Zwar war die Verständigung nicht gerade einfach, aber mit gutem Willen und etwas Phantasie ist Erstaunliches möglich.

Die Atmosphäre in Familie Kim erscheint durchweg sehr offen und natürlich, ebenso herzlich und unvoreingenommen verhält man sich uns gegenüber, auch wenn wir sicher unwissentlich so manchen sittlichen Fehler begangen haben.

Einfache Menschen in einem überaus bescheidenen Heim, die Menschlichkeit ist dennoch rundum spürbar, eine wahrlich angenehme Mentalität.


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