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07. Gipfeltour, Unterwegs mit Kang

Heute Nacht merken wir plötzlich, dass Miriam aus dem Zelt verschwunden ist. Als wir gerade anfangen wollen uns Sorgen zu machen, stellt sich heraus, dass sie aus Platzangst aus unserem 3-Mann-Zelt geflüchtet ist und versucht, draußen weiter zu schlafen. Um die fünf Uhr fängt draußen ein geschäftiges Treiben an. Wie wir nachher feststellen, sind das Koreaner, die auch hier zelten und zur Wanderung auf den Vulkankrater und Mittelpunkt der Insel aufbrechen. Unser Zeltplatz liegt am Rande des Nationalparks, der den Krater umgibt, und diese Wanderung haben wir uns für heute auch vorgenommen. Doch erst wollen wir ein bisschen weiterschlafen und uns von den gestrigen Strapazen erholen.

Als wir am späten Morgen aufstehen, ist das Wetter recht gut. Doch kurz bevor wir losgehen, ziehen plötzlich in rasanter Geschwindigkeit Nebelfetzen heran, und kurz darauf stehen wir mitten im Nebel, der die Umgebung in eine mystische Landschaft verwandelt. Trotzdem ziehen wir los, frohen Mutes und in der Hoffnung, bald über dem Nebel zu stehen. Da das Klima hier oben nicht ganz so warm ist wie etwa in Seoul oder an der Inselküste, können wir den beginnenden Regen mühelos mit unseren Regenjacken abwehren, ohne vom Schweiß durchnässt zu werden. Wir sind uns sicher, dass der Regen bald aufhört und vertreiben uns die Zeit auf der Wanderung durch den anfangs etwas eintönigen Wald, indem wir verschiedene Liedfragmente singen, die uns gerade so einfallen.

Nach gut anderthalb Stunden kommen wir an einer grauen Betonschutzhütte an, in der wir uns endlich einmal vor dem Regen verkriechen können. Der Regen ist mal stärker, mal schwächer geworden, hat aber nie aufgehört, und der Himmel ist eine einzige graue Suppe. Das Rucksackregencape hat nicht viel geholfen, und unsere Füße schwimmen schon längst in einer laukalten Brühe. Wir verzehren einen Teil unserer Proviantkekse und überlegen, was wir machen sollen. Richard hat wenig Hoffnung auf Wetterbesserung und möchte umkehren. Wir drei anderen beschließen weiterzugehen, teils in der verzweifelten Hoffnung, dass uns das Wetter doch noch gnädig ist, teils auch aus Neugier und Ehrgeiz. Also packen wir ein paar Bananenchips und Kekse in die Taschen und trennen uns von Richard.

Es regnet in einem fort. Die Koreaner, die uns schon eine Weile lang immer wieder entgegenkommen, werden weniger. Einer von ihnen sagt uns, dass es auf dem Gipfel auch regne. Wir lenken uns von der Anstrengung, der Nässe und Kälte ab, indem Philipp und Andreas abwechselnd eine mehr oder weniger sinnvolle Geschichte über ein Männlein, das im Walde steht, zusammenspinnen – Miriam lauscht amüsiert unseren phantastisch-kreativen Ergüssen.

Nach insgesamt etwa vier Stunden Regenwanderung [Bild]Verregnete Berglandschaft - von einer Art Unterstand aus fotografiert
Verregnete Berglandschaft
beginnt die Vegetation sich zu wandeln. Der Wald wird lichter und lichter. Wir haben immer noch 700 Höhenmeter vor uns und deswegen die Hoffnung, die Wolkendecke zu durchstoßen, noch nicht ganz aufgegeben. Vorerst aber regnet es weiter ohne Unterlass. Wir kommen auf einen Kamm und können zum ersten Mal die atemberaubende Berglandschaft mit schroffen Abhängen, skurrilen Felsformationen und wilden Bergwasserfällen sehen. Später treffen wir auf eine weitere Schutzhütte, die aber nicht weniger karg und ungemütlich als die erste ist. Um nicht unnötig auszukühlen, nutzen wir sie nur kurz als Regenschutz beim Fotografieren.

Wir wandern weiter auf überfluteten Pfaden und Treppen [Bild]Unterwegs - Wegen des ständigen Regens gibt es leider keine weiteren Fotos vom Aufstieg und den mystischen Felsformationen
Unterwegs
. Der Weg, der schon eine ganze Weile deutlich steiler und gebirgiger ist als am Anfang, wird noch abenteuerlicher. Wir durchwaten Bergbäche und klettern auf schmalen Pfaden am Hang entlang. Aber der Weg ist immer sicher und gut gekennzeichnet, teilweise sind sogar auch hier noch Treppen gebaut. Wirklich gefährlich oder nervenkitzelnd ist es nie. Als wir das starke Gefühl haben, dem Kraterrand sehr nahe zu sein, hört es langsam auf zu regnen. Bald haben wir unerwartet gute Fernsicht, und sogar das Grau am Himmel gewinnt Strukturen. Das letzte Stück zieht sich noch etwas hin, aber schließlich erreichen wir den Kraterrand – und kurz darauf bricht sogar die Sonne durch die Wolkendecke.

Am Kraterrand [Bild]Am Kraterrand - reißt die Wolkendecke auf, und wir können uns in der Sonne ein bisschen trocknen
Am Kraterrand
essen wir unseren spärlichen Proviant, genießen die Kraterlandschaft [Bild]Bizarre Lavalandschaft - auf dem Kraterrand
Bizarre Lavalandschaft
, den Ausblick [Bild]Blick über die Insel - bis zum Meer
Blick über die Insel
und die Sonne und versuchen, unsere Kleider etwas zu trocknen. Aber viel Zeit haben wir nicht, wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit wieder unten sein wollen. Für den Aufstieg von zwar nur 8,7 km Länge aber immerhin 1350 Höhenmetern haben wir nun doch fast fünf Stunden gebraucht, und wir sind ja nicht so früh losgelaufen wie die ganzen Koreaner. Also ist es Zeit, den Abstieg [Bild]Wir beginnen den Abstieg - weil wir noch vor Einbruch der Dunkelheit unten ankommen wollen
Wir beginnen den Abstieg
zu beginnen.

Wir gehen einen anderen, etwas längeren Weg als beim Aufstieg [Bild]Kleines idyllisches Plätzchen -
Kleines idyllisches Plätzchen
. Er ist dafür ein bisschen flacher, aber in großen Abschnitten mit mittelgroßen Felsbrocken "gepflastert", über die man sich mühsam und knieschädigend seinen Weg suchen muss. Nach einer guten Stunde flotten Abstieges erreichen wir eine bemannte Station. Der Weg, über den wir kommen, ist schon abgesperrt [Bild]Ups, schon gesperrt - an diesem Punkt hätte man schon viel früher vorbeikommen sollen...
Ups, schon gesperrt
, und auf einem Schild daneben steht, dass man spätestens um 14:30 Uhr oben hätte aufbrechen sollen – zwei Stunden früher als wir oben losgegangen sind. Etwas aufgeregt kommt das Personal angelaufen und sagt uns, dass es drei Stunden bis unten seien, in zwei Stunden werde es aber bereits dunkel. Also beeilen wir uns noch ein bisschen mehr und machen nur noch eine kurze Pause [Bild]Eine kleine Pause - damit wir danach frisch weiterlaufen können, denn es wird schon merkbar dunkler
Eine kleine Pause
.

Nach insgesamt drei Stunden Abstieg kommen wir wohlbehalten in der Dämmerung [Bild]Geschafft! - Wir sind am Parkplatz und können die Abendstimmung genießen
Geschafft!
an einem Parkplatz an. Die 15 km zu unserem Zeltplatz wollen wir mit einem Taxi zurücklegen. Der Fahrer eines besetzten Taxis fordert telefonisch eines für uns an. Während wir warten, bieten uns zwei Koreaner an, uns mitzunehmen. Der erste fährt leider in die entgegengesetzte Richtung, aber beim zweiten fahren wir mit. Er ist ein Mann mittleren Alters, und nach einer Weile schweigsamer Fahrt versucht Andreas, eine Unterhaltung auf Koreanisch mit ihm zu führen. Der Koreaner heißt Kang, und sein Englisch ist, wie das vieler Koreaner, so elementar, dass es sich mit Andreas' Koreanisch durchaus messen kann. Deshalb hat er auch von sich aus keine Unterhaltung begonnen, da Koreanischkenntnisse bei Touristen eher unvorstellbar sind. Aber irgendwie klappt die Kommunikation mehr oder weniger, und Kang ist so begeistert, dass er unbedingt mit uns in die Stadt fahren und essen und trinken möchte. Ohne groß zu zögern, sagen wir zu, sammeln Richard beim Zeltplatz ein und fahren nach Jeju.

Unterwegs unternehmen wir weitere Verständigungsversuche, wobei sich Kangs Gemüt manchmal erhitzt und er immer lauter spricht und gestikuliert. Aber das ist wohl nicht ungewöhnlich für Koreaner. Auch wenn er sich mal wieder nach dem Weg in die Stadt erkundigt, schreit er die Leute ziemlich hektisch an, und sie antworten auf ähnliche Weise.

Irgendwann steigen wir aus und gehen in ein koreanisches Restaurant. Wir setzen uns auf den Boden um einen flachen Tisch mit eingebautem Grill, und Kang bestellt Samgyeobsal [Bild]Beim Essen mit Kang - Er zeigt uns, auf welche Weise man die leckeren Zutaten korrekt kombiniert und isst
Beim Essen mit Kang
. Uns schwant schon, dass er das Essen und den weiteren Abend komplett bezahlen will. Das Essen besteht im Kern aus Schweinebauchspeckstreifen, die man grillt, zerschneidet, in eine Sauce dippt oder in Salat einwickelt und dann isst. Drumherum gibt es eine Unmenge kleiner Schüsselchen mit Kimchi, Apfelstückchen, Knoblauch, Zwiebeln und so weiter. Kang zeigt uns genau, wie man was zusammenzupacken und -rollen hat und achtet penibel darauf, dass wir nicht etwa die falschen Zutaten falsch verarbeiten. Natürlich trinken wir auch Soju, kommunizieren [Bild]Andreas und Kang - Wegen Andreas' rudimentärer Koreanischkenntnisse mag Kang ihn besonders gerne
Andreas und Kang
fleißig weiter, und zum Abschluss gibt es eine Fischsuppe mit Riesengarnelen.

Kang bezahlt und duldet keine Widerworte, wir verlassen das Restaurant, und er fragt sich zu seinem Hotel durch. Wie wohl die meisten hier ist er Tourist, denn es sind gerade Ferien, und viele Koreaner verbringen ihre eine Woche im Jahr, die sie frei haben, auf Jeju. Zum Glück sind uns riesige Menschenmengen bisher erspart geblieben, da wir ja einen etwas alternativen Urlaub machen.

Endlich kommen wir beim Hotel an, Kang mietet ein Zimmer für uns vier, organisiert Bier, Kekse und Tintenfischchips [Bild]Chips aus getrockneten Tintenfischen - interessant, aber gewöhnungsbedürftig!
Chips aus getrockneten Tintenfischen
, und wir machen es uns auf dem Boden gemütlich. Dort betreiben wir weiter fleißig Kommunikationsversuche [Bild]Eifrige Konversationsbemühungen - zum Glück haben wir das Wörterbuch dabei!
Eifrige Konversationsbemühungen
und Kulturaustausch [Bild]Wir zeigen Kang, wie wir anstoßen - oben, unten, links, rechts, Prost!
Wir zeigen Kang, wie wir anstoßen
. Kang ist 42 Jahre alt, hat keine Familie und ist bei einer Technikfirma angestellt. Vermutlich ist er recht wohlhabend und kann uns daher zu so viel einladen. Wir versuchen erst gar nicht, ihn unsererseits zu irgend etwas einzuladen, da wir damit bisher bei Koreanern noch nie Erfolg hatten. Meist hätten wir auch gar keine Chance dazu, da er sowieso viel schneller ist. Er hat uns auch schon mehrfach nach Kwangju eingeladen, wo wir in seinem Haus wohnen könnten. Wir werden mal schauen, ob das auf unserem Weg liegt.

Zum Schluss gehen Philipp und Andreas, Miriam und Richard sind schon zu müde, mit Kang noch mehr Nachschub kaufen und gehen auf sein Zimmer, um noch etwas Bier zu trinken und eigenartiges Rote-Bohnen-Eis zu essen. Danach endlich gehen wir in unser Zimmer zum Schlafen.


Andreas und die Sprache


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