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Andreas und die Sprache

Wie alles begann

In einem kleinen Eintrag in meinem Gästebuch schickte Richard mir einen Link zu einer Internetseite namens www.langintro.com, wo es kleine Einführungen in ein paar Sprachen gibt, darunter auch Koreanisch. Die Entscheidung, im Sommer nach Korea zu fahren, war gerade erst gefallen, und ich, noch auf meinem Auslandsjahr in Schweden, war noch gar nicht auf die Idee gekommen, Koreanisch zu lernen. Aber ich dachte mir, nu ja, ich fahre in zweieinhalb Monaten nach Korea, also sollte ich langsam mal anfangen, ein bisschen die Sprache zu lernen. Erstens ist es ein Zeichen von Interesse und Höflichkeit gegenüber Gastgebern, wenn man versucht, in ihrer Sprache zu sprechen, und zweitens sollen sich die Englischkenntnisse vieler Koreaner ja sehr in Grenzen halten. Also schaute ich mir die Internetseite an, und eh ichs mich versah, saß ich große Teile meiner letzten Zeit in Schweden und dann auch in Freiburg vor dem Computer und paukte Koreanisch.

Das Alphabet

Aber der Reihe nach. Die Internetseite, die mir Richard geschickt hatte, fesselte mich sofort. Auf ziemlich unterhaltsame Weise lernt man hier zuerst einmal das koreanische Alphabet Hangeul kennen. Es ist vom Design her zwar von der chinesischen Schrift beeinflusst, aber im Gegensatz zu dieser ist es ein phonetisches Alphabet, genau wie unseres. Und zwar ein sehr effizientes und genau an die Sprache angepasstes, denn es wurde unter König Sejong um 1450 wissenschaftlich entwickelt, weil die damals verwendeten chinesischen Zeichen viel zu kompliziert und nicht für Koreanisch geeignet waren und so nur von Gelehrten beherrscht wurden.

Die simplen, oft nur aus zwei Strichzügen bestehenden Buchstaben von Hangeul sollen die Stellung der Sprechwerkzeuge beim Aussprechen des jeweiligen Lautes symbolisieren. Das hilft einem zwar nicht wirklich viel, weil da natürlich beliebig Spielraum für verschiedenste Interpretationen ist. Aber trotzdem kann man die Schrift schnell lernen, es sind ja nur 21 Vokal- und 19 Konsonantenzeichen, wobei elf der Vokale und fünf der Konsonanten als Diphtonge bzw. Doppelkonsonanten aus den restlichen zusammengesetzt und somit leichter zu lernen sind.

Dabei gibt es für uns einfach auszusprechende Vokalzeichen wie ㅏ (a), ㅜ (u) oder ㅑ (ya), aber auch etwas schwierigere, wie ㅢ (eine Art üi). Für manche Laute, die bei uns mit dem gleichen Buchstaben geschrieben werden, gibt es verschiedene Buchstaben, wie etwa ㅗ (das geschlossene o in "oh!") und ㅓ (das offene o in "offen"). Bei den Konsonanten gibt es ein paar für uns einfachere wie ㅁ (m) oder ㄴ (n); bei den meisten muss man aber aufpassen, weil sie zum Beispiel am Wortanfang härter klingen als zwischen Vokalen, oder weil sie am Wortende oder vor anderen Konsonanten "stumm" gesprochen werden, oder auch weil es aspirierte, unaspirierte und glottalisierte Konsonanten gibt, für die wir keine getrennten Buchstaben haben und die wir oft nicht richtig aussprechen oder auseinanderhalten können.

Daher ist es schwierig, koreanische Worte mit dem lateinischen Alphabet zu umschreiben. Es gibt verschiedene Standards zur Romanisierung, aus denen man oft nicht einmal die originale Schreibweise rekonstruieren kann und die Interpretationen weitab von der korrekten Aussprache zulassen. Daher ist es sehr sinnvoll, sich mit Hangeul auseinanderzusetzen, bevor man die Sprache lernt, um ein Gefühl für die verschiedenen Laute zu bekommen.

Der einzige Unterschied zu unserem Alphabet, natürlich neben dem anderen Aussehen und den anderen, für uns teilweise fremdartigen oder nicht unterscheidbaren Lautwerten, besteht darin, dass die Buchstaben zu Silben zusammengepackt werden. Freistehende Buchstaben werden nicht verwendet. Erst dadurch erinnert die Schrift das ungewöhnte Auge an chinesische Zeichen, auch wenn die vielen Kreise eher untypisch sind. Diese Silbenschreibweise stellt aber keine größere Schwierigkeit dar, da man in den Silben die einzelnen Buchstaben erkennt und die Silben nach so eindeutigen Regeln komponiert werden, dass man am Computer einfach buchstabenweise tippen kann und die Buchstaben automatisch zu den richtigen Silben zusammengezogen werden. Die Buchstaben verändern ihr Aussehen nur manchmal etwas aus ästhetischen Gründen.

Jede Silbe beginnt mit einem Konsonanten, der gefolgt ist von einem Vokal. Die Form des Vokales entscheidet hierbei, wie die Zeichen zusammengesetzt werden: bei "stehenden" Vokalen wie ㅏ (a) stehen Konsonant und Vokal nebeneinander wie in 가 (ga oder ka, aber unaspiriert!); bei "liegenden" Vokalen wie ㅜ (u) werden die beiden Zeichen gestapelt wie in 구 (gu oder ku). Dann ist die Silbe entweder zu Ende, oder sie wird noch durch ein oder zwei nebeneinanderstehende Konsonanten "untermauert". Ein Beispiel für den ersten Fall ist 물 (mul), für den zweiten 많 (manh). Diese Silben haben auch schon Bedeutungen, teilweise sogar mehrere. So ist 가 der Stamm von "gehen", 구 bedeutet 9 (sino-koreanische Zahl), 물 heißt "Wasser" und 많 ist der Stamm von "viel sein".

Was tun, wenn eine Silbe mit einem Vokal beginnen soll? Dafür gibt es den speziellen Konsonanten ㅇ, der am Silbenanfang einfach nicht ausgesprochen wird. Steht er nach dem Vokal, so bewirkt er, dass dieser nasaliert wird, wie in 강 (gang oder kang), was "Fluss" bedeutet und auch ein gebräuchlicher Nachname ist.

Die Sprache

Also gut, die erste Hürde war genommen, und ich war enthusiastisch. Leider ist auf der Internetseite nur eine sehr kurze Einführung in die eigentliche Sprache gegeben. Aber mein Ehrgeiz war geweckt, und ich machte mich im Internet auf die Suche.

Ich war überrascht, wie viele Online-Kurse es für Koreanisch gibt! Wer lernt denn alles diese Sprache? Das Beste aber war, dass ich ein komplettes Lernprogramm für Koreanisch fand. Auf www.declan-software.com gab es Lernsoftware für ein paar Sprachen – und die einzige wirklich vollständige und umfangreiche war ausgerechnet für Koreanisch! Leider nicht kostenlos, aber es lohnt sich. Ich begann also, das wie ein interaktives Schulbuch aufgemachte Programm durchzuarbeiten, Kapitel um Kapitel: Vokabeln, verschiedene Spielchen zu deren Einübung, Grammatik, immer mit vorgelesenen Beispielsätzen, Übungen zu Formenbildung und Satzbau, Lückentexte, Hörübungen, Beispieldialoge zum Vervollständigen. Dabei ist es natürlich für uns, deren Wortschatz nicht gerade sehr verwandt mit dem koreanischen ist, etwas schwer, sich die Vokabeln zu merken. Aber die Kombination von Schriftzeichen und Klang des Wortes half mir beim Lernen.

Bis zu 60% der koreanischen Wörter stammen aus dem Chinesischen und haben sich seit der Entlehnung mehr oder weniger stark verändert. Dieser Einfluss reicht so weit, dass es zwei Zahlensysteme gibt: einerseits die "echten" koreanischen Zahlen und andererseits die entlehnten sino-koreanischen Zahlen. Jedes dieser Zahlensysteme wird für bestimmte Zwecke verwendet.

Koreanische Wortformen und Grammatik sind teilweise ziemlich unterschiedlich zu dem, was wir gewöhnt sind. Trotzdem war ich immer wieder verblüfft und begeistert, wie sich die hinter den Konstrukten stehenden Ideen oft doch auch wieder sehr ähneln. Es sind eben beides menschliche Sprachen!

Es gibt Wortarten wie Verb, Substantiv und Präposition. Die Verben haben einen Stamm, der im wesentlichen unverändert bleibt und an den Indikatoren für Zeit, Höflichkeitsstufe etc. "angeklebt" werden, aber es gibt keine finiten Formen. Adjektive werden durch Zustandsverben ausgedrückt, so gibt es zum Beispiel ein Verb mit dem Stamm 좋, das "gut sein" bedeutet. Wenn man solche Zustandsverben in attributiver Stellung verwenden will, bildet man eben das Partizip Präsens! Bei den Substantiven ist es ähnlich wie bei den Verben, hier gibt es etwa Indikatoren für die Verwendung im Satz (Subjekt, Objekt oder Thema) und ebenfalls für die Höflichkeitsstufe.

Sowieso ist das Höflichkeitssystem sehr stark entwickelt. Je nachdem, ob man mit höher Gestellten oder Untergebenen, Älteren oder Jüngeren, Fremden oder Bekannten redet, werden verschiedene Formen benutzt. Das braucht Koreanisch-Anfänger aber nicht allzu sehr zu kümmern, da ihnen alle Fehler verziehen werden.

Ganz besonders nützlich fand ich das Verb mit dem Stamm 하, das "tun" bedeutet. Wenn man ein (meist zweisilbiges, sinokoreanisches) Substantiv hat und das zugehörige Verb bilden will – einfach "tun" dranhängen! So wird aus 전화 (Telefon) ganz schnell mal telefonieren und aus 공부 (Studium) studieren.

Vom Satzbau her läuft auf Koreanisch manches ein bisschen "andersrum". So werden zum Beispiel Präpositionen und Konjunktionen hinten an das Substantiv bzw. das Prädikat angehängt, was für uns ein bisschen Umdenken erfordert. Die Tatsache, dass man alle nicht unbedingt benötigten Worte weglassen kann, erleichtert für den Anfänger das Sprechen stark – Sätze, die einen auf Deutsch sofort als Anfänger outen würden, sind auf Koreanisch ganz normal.

Als Beispiel eine kurze Erklärung, die man in Korea sehr oft braucht, wenn man ein paar Worte auf Koreanisch gesagt hat – optional mit Ausschmückungen wie "ein bisschen", "zu Hause am Computer", "zwei Monate lang" und so weiter (die Bindestriche schreibt man natürlich normalerweise nicht):

한-국-에   가-기   전-에,

Korea-Land-nach   gehen-[Substantivierung]   vorher-da,

한-국-어-를   공부-했-어요

Korea-Land-Sprache-[Objekt]   Studium-tat-[normal höfliche Endung]

Dabei ist 했 durch Kontraktion aus dem Stamm des Verbes mit dem Vergangenheitsindikator entstanden.

Erfahrungen

Leider habe ich nicht mehr geschafft, das ganze Programm gründlich durchzuarbeiten. Aber mit dem, was ich geschafft habe, lässt sich schon einiges anfangen.

Neben den praktischen Vorteilen, die die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben mit sich bringt (Adressen, Fahrpläne, Schilder lesen, die manchmal nicht konsistent oder gar nicht romanisiert sind), wird es auch mit Freude aufgenommen, wenn man etwa seinen Namen oder andere Namen oder Wörter in Hangeul schreiben kann. Und wenn man sich dann auch noch bemüht, etwas auf Koreanisch zu sagen oder gar eine kleine Unterhaltung anzufangen, sind die meisten Leute ganz aus dem Häuschen. Das Programm scheint wirklich etwas getaugt zu haben, viele sind erfreut über meine gute Aussprache, und manche spekulieren sogar, dass ich vielleicht einen koreanischen Elternteil hätte. Und das bisschen Koreanisch, das ich kann, hat uns tatsächlich ein paar Erlebnisse beschert, die wir sonst verpasst hätten, wie zum Beispiel den Abend mit Kang.

Natürlich ist es auch immer wieder sehr witzig. Ich bin ja schon als typischer Westler mit weißer Haut und rötlichen Haaren vielerorts ein recht exotischer Anblick, aber wenn ich dann auch noch Koreanern, die Miriam ansprechen, auf Koreanisch erkläre, dass sie meine Schwester ist und kein Koreanisch spricht, dann sind viele völlig fassungslos.

Es passiert auch, dass Leute mich nicht verstehen, weil sie gar nicht damit rechnen, dass ein Nicht-Koreaner etwas auf Koreanisch sagt. Als ich einmal im Supermarkt von der Kassiererin wissen wollte, ob es in Ordnung sei, wenn ich mit Kreditkarte zahle, schaute sie nur hilfesuchend zu der Koreanerin, die uns begleitete. Ich fragte diese nachher, was ich falsch gesagt hätte, und sie meinte, gar nichts, die Kassiererin habe nur nicht damit gerechnet!

Wenn sie allerdings die erste Sprachlosigkeit überwunden haben, wissen viele Koreaner nicht so recht, wie sie mit einem Koreanisch-Anfänger umgehen sollen. Anstatt langsam und in möglichst einfachen Sätzen ohne unnötige Ausschmückungen zu sprechen (und dabei am besten nur Worte zu verwenden, die ich zufällig gelernt habe...), überschwemmen sie mich manchmal auf typisch koreanische, leicht hektische Art geradezu mit einem Wortschwall, der gar nicht nur die Antwort auf meine Frage enthalten kann – sondern vermutlich noch tausend zusätzliche Erklärungen und Höflichkeitsfloskeln. Aber es gibt auch solche, die es einem einfacher machen. Wie zum Beispiel der Junge, den ich an einer Bushaltestelle nach dem Bus fragte und der nach seiner Antwort noch etwas hinzufügte, was ich nicht erwartete und nicht verstand. Also wiederholte er einfach langsam und deutlich:

좋-은   여행   –   gutsein-de   Reise!


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