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13. Aufenthalt

3 Uhr. Wir werden geweckt, essen etwas Wassermelone und finden uns pünktlich um 3:30 Uhr zum Morgengesang im relativ kleinen Zeremonienraum ein.

Die meisten hier lebenden Mönche sind Frauen. In einem Singsang zitieren sie Buddhas Lehren, dazwischen immer wieder aufstehen, verbeugen, hinknien, den Oberkörper bis zum Boden senken. Es ist nicht so schwer, den Bewegungsabläufen zu folgen.

Nachher gehen wir wieder in unser Zimmer und versuchen nicht einzuschlafen, während die Nonnen und Mönche je nach Bedarf in freier Form weiter exerzieren. Zwei Stunden später, die wir mit Lesen und Herumlaufen auf dem Tempelgelände [Bild]Morgens halb sechs - in Buryeongsa
Morgens halb sechs
verbringen, gibt es das Frühstücksbuffet mit reichlich Reis und der in den buddhistischen Klöstern üblichen Auswahl an Gemüse.

Vomittags [Bild]Unser Gästehaus - am Morgen
Unser Gästehaus
haben wir eine Audienz bei einer großen Nonne. Über Dong-In als Dolmetscherin erklärt sie uns, dass der Weg Buddhas jedem freisteht. Ziel des Buddhismus sei es, mit anderen Menschen in Frieden zu leben. Der Weg dorthin ist jedoch die Erkenntnis des Selbst und der Begrenztheit und Veränderlichkeit der Welt. Wer akzeptiert, dass alles wandelbar und nichts ewig ist, kann seine Gier überwinden und verliert seine Angst vor dem Tod. So gibt es Hoffnung im Leben. Sie freut sich über unser Interesse und unsere Fragen und schenkt uns zum Abschied buddhistischen Schmuck.

Vor dem Mittagessen unternehmen wir einen Spaziergang zum nahegelegenen Fluss. Richard und die Jungs bauen einige kleine Wasserpagoden [Bild]Richard und die Jungs - bauen kleine Pagoden
Richard und die Jungs
aus Steinen, während Miriam, Philipp und Andreas sich auf den Felsen lümmeln und ein bisschen quatschen.

Anschließend führt uns eine Nonne, die Englisch spricht, durchs Klostergelände [Bild]Der Teich - und der Tempel
Der Teich
. Sie erklärt uns, dass eine Steinsilhouette auf dem nahen Bergkamm unter bestimmten Bedingungen einen Schatten auf den See wirft, dessen Form der Buddhas ähnelt, und dass das Kloster deshalb Buryeongsa heißt – Buddha-Schatten-Tempel.

Sie zeigt uns auch den Schlafraum der Nonnen, die alle zusammen in einem größeren Raum schlafen. Jeder hat zwar einen kleinen Schrank, jedoch hält sich der persönliche Besitz sehr in Grenzen und besteht oft sogar nur aus ein paar buddhistischen Büchern. Die Nonne, die uns führt, hat einst in Wien Musikwissenschaften und Violine studiert, kann jedoch hier nicht Violine spielen. Sie meint, sie habe sich frei für dieses Leben entschieden und den Durst nach diesen Dingen überwunden.

Weiterhin zeigt sie uns verschiedene Gebetsräume [Bild]Mauer und Tempelgebäude -
Mauer und Tempelgebäude
und die Bibliothek mit hauptsächlich buddhistischer Literatur. Sie betont, dass der Weg Buddhas jedem freisteht und auch wir die Möglichkeit haben, einst erleuchtet zu werden. Besonders Richard sieht sie als potenziellen Kandidaten. Dankbar für die freundliche Führung verabschieden wir uns.

Wir schauen uns noch ein wenig auf dem schönen und idyllischen Gelände [Bild]Mauerlabyrinth -
Mauerlabyrinth
um und finden viele schöne Ecken mit Blumen oder kleinen Pagoden [Bild]Pagoden und Blumen -
Pagoden und Blumen
aus aufgeschichteten Steinen.

Am frühen Nachmittag essen wir zusammen mit Su-Weol Seunim Früchte und unterhalten uns mit ihm über verschiedene Dinge. Bevor er seiner inneren Stimme folgte und Mönch wurde, hatte er vor, Koch zu werden und eine Familie zu gründen. Der Weg, den er gewählt hat, ist nicht leicht, und viele brechen ihn ab. Um auf die vielen Annehmlichkeiten verzichten zu können, braucht man einen starken Geist. Doch wer den Weg geht, wird eines Tages in wahrem Mitgefühl für seine Mitlebewesen leben.

Der Buddhismus scheint uns eine sehr friedfertige Philosophie zu haben. Doch wie geht er mit Aggressionen um? Uns interessiert Su-Weol Seunims politisch-philosophische Einstellung zur Frage des Krieges. Dass die Grundeinstellung pazifistisch ist, ist klar, aber um die Absicht zum Gewaltverzicht oder Anwendung in einer kritischen Situation herauszubekommen, fragen wir, ob nicht die gewaltsame Beendigung der Herrschaft Hitlers durch die Alliierten legitim war. Bei der Diskussion kommt heraus, dass das Grundprinzip "no violence" zur Erreichung eines Zieles absolut ist und nicht von ihm abgewichen werden darf. Um Gewalt zu verhindern, müssen ihre Ursachen, wie Gier, Selbstsucht und schlechtes Denken, mit den Prinzipien des Buddhismus schon im Vorfeld überwunden werden. Für akute Situationen wie die von uns angesprochene, bei der das Vorfeld schon vorbei ist, hat er leider auch keine einfache Lösung parat.

Nach dem Gespräch fahren wir zum Meer, wo wir baden wollen. Su-Weol Seunim, die Jungs und Dong-In verzichten auf das Baden und schauen uns lieber dabei zu. In der Tat sehen wir kaum Koreaner im Wasser, sie begnügen sich damit, dick angezogen am Strand zu liegen und schauen unserem Badevergnügen teils verdutzt, teils mit besorgten Blicken zu. In Korea ist das Schwimmen in der Schule kein Pflichtfach, und so können viele Koreaner gar nicht schwimmen. Haie, so erfahren wir später, seien aber keine zu befürchten, die seien schon längst alle rausgefischt und aufgefressen worden. Vom Meer aus fahren wir zu einem Restaurant, wo wir alle unsere Freunde zum Essen einladen.

Auf der Rückfahrt zum Tempel legt Su-Weol Seunim [Bild]Su-Weol Seunim - der sich normalerweise nicht gerne fotografieren lässt
Su-Weol Seunim
mal wieder gesungene Rezitationen buddhistischer Texte auf, und wir fragen uns, ob er nicht ab und zu mal genug vom Buddhismus hat. Alle Buddhisten, denen wir bisher begegneten, machten aber tatsächlich einen sehr glücklichen und zufriedenen Eindruck auf uns. Also fahren wir einfach mit den fetzigen Buddha-Beats zurück zum Tempel und gehen bald darauf ins Bett.

Philipp: Ein Ort der Heimlichkeit


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