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Philipp: Ein Ort der Heimlichkeit

Wann habe ich eigentlich das letzte Mal...? Es dürfte schon einige Zeit her sein, die leichte koreanische Kost eben, die den Rhythmus anders bestimmt, als man das sonst so gewohnt ist... nun ja, vor dem Schlafengehen könnte ich es doch einmal wagen, man weiß nie, und nachts, wenn es dunkel ist, da draußen, dann geht das ja erst recht nicht. Also los!

Ich blicke verstohlen aus unserem kleinen Gästezimmer heraus in den Hof, aha, niemand zu sehen. Meine Blicke wandern nach oben, die Abendsonne lässt den Himmel in einem matten Rot leicht aufleuchten, wahrlich ein schöner Anblick, wie gerne würde ich ihn ausgiebiger genießen, aber ich muss ja! Also weiter, ich schreite zügigen Schrittes in die Mitte des Hofes und lasse meine Blicke rundum schweifen, irgendwo muss es doch sein, ich meine, die Mönche müssten ja auch mal müssen. Einen kurzen Moment beäuge ich kritisch den nahen Waldrand, nein, diesen Gedanken verwerfe ich sogleich wieder und wende mich der anderen Hofseite zu. Ah, dort hinten, steht da nicht etwas, könnte es das sein, wohin mich meine elementarsten Bedürfnisse so vehement treiben?

Ich bewege mich über den Hof, nähere mich langsam dem Objekt, tatsächlich, nun kann ich es eindeutiger erkennen, ein kleines, fensterloses Holzhäuschen, also wird keiner darin wohnen, und wie eines der Tempelgebäude sieht es auch nicht aus. Ein siegessicheres Lächeln huscht über mein Gesicht, und schon eile ich zielstrebig dem Ort entgegen, wo ich – fest entschlossen und mit aller Konsequenz – die Befriedigung meiner immer dringlicher werdenden Bedürfnisse baldmöglichst durchzuführen gedenke.

Endlich angekommen, sehe ich meine Vermutungen bestätigt, es scheint sich wahrhaftig um den von mir herbeigesehnten Ort zu handeln, jedenfalls das äußere Erscheinungsbild lässt kaum einen Zweifel daran. Prüfend tasten sich meine Blicke über die Frontseite eines bereits leicht verfallenen Holzhüttchens, morsch und altersmüde wirkt das Holz, nur noch stellenweise lässt sich die einst satt-rote Bemalung erahnen. Eine Tür suche ich vergebens, breit geöffnet lädt ein Durchgang zum sofortigen Eintritt ein, das Innere der Hütte liegt in einem schattigen Dunkel verborgen, so dass mir die Einsicht auf das Innenleben von außen verwehrt bleibt.

Im Moment meines Eintretens, als ich einen ersten vorsichtigen Atemzug wage, verfliegt augenblicklich mein letzter Zweifel, und ich jauchze voll Vorfreude erleichtert auf, meine Instinkte haben mich also nicht fehlgeleitet, hier bin ich Mensch, hier kann ich's lassen! Ich finde mich in einem kleinen düsteren Räumchen wieder, die Wände bestehen aus alten und löchrigen Holzbrettern, durch deren teilweise daumenbreiten Spalten spärliche Lichtstrahlen fallen. An der linken Wandseite sind einige Gerätschaften auszumachen, vermutlich Gartengeräte der Mönche, die rechte Seite hingegen entspricht schon eher meinen Erwartungen, zwei schmale Türchen befinden sich dort, flugs entscheide ich mich für eines – fast kommt es mir wie das Öffnen eines Adventskalenders vor, nur dass ich hinter dieser Türe nichts erwarte, sondern unbedingt etwas loswerden möchte.

Ein unangenehm lautes Knarren ertönt, als ich die schief in den Angeln hängende und von Holzwürmern zernagte Tür des Verschlages zur Seite schiebe. Meine insgeheimen Hoffnungen, hier vielleicht doch noch Anzeichen von Moderne vorzufinden, werden herb enttäuscht, stattdessen klafft zu meinen Füßen jäh ein Loch im Boden, die Ränder desselbigen sind mit allerlei Dingen verziert, auf deren nähere Beschreibung ich an dieser Stelle verzichten möchte, auf dass dem Leser dieser Zeilen seine Mahlzeiten auch künftig munden mögen.

Tapfer überwinde ich mich und bin gerade bemüht eine einigermaßen gemütliche Hockposition einzunehmen, als mich ein unerwartetes Rascheln erschreckt auffahren lässt, hektisch ziehe ich meine gerade erst sorgfältig heruntergelassenen Shorts wieder hoch. Ich habe mich nicht verhört, durch die zahlreichen Ritzen der Hütte kann ich die vagen Konturen einer Gestalt wahrnehmen, welche emsig um mein neu ergriffenes Domizil schleicht. Verunsichert stehe ich vor meinem Loch und beschließe vorerst abzuwarten, ob diese Gestalt vielleicht in Bälde wieder zu verschwinden gedenkt. Und tatsächlich scheint es so, als würde ich doch noch zur ungestörten Verrichtung meiner inzwischen an Dringlichkeit kaum mehr zu überbietenden Erledigungen kommen.

Als wieder Ruhe eingekehrt ist und bis auf das aus dem Walde tönende Surren der Insekten keine Geräusche mehr vernehmbar sind, wage ich es erneut. Beherzt mache ich es mir so bequem als möglich und perfektioniere zugleich meine Shortsfaltetechnik, somit sollte einer unfallfreien Durchführung der alsbald folgenden Vorgänge nichts mehr im Wege stehen. Meine Konzentration hat gerade ihren Höhepunkt erreicht, und bis zum endgültigen Startschuss wären es allenfalls noch hundertstel Sekunden gewesen, da reißt mich ein ohrenbetäubendes Poltern brutal aus meinem Ritus, fast wäre ich rücklings mit dem Gesäß voran in das Loch gerutscht, nur mit Mühe kann ich mich abfangen und auf die Beine retten.

Der Verzweiflung nahe, versuche ich durch meine inzwischen auserkorene Hauptritze zu erspähen, was diesen neuerlichen Lärm verursacht haben könnte. Ich muss mit Entsetzen erkennen, dass eine der Nonnen offenbar damit begonnen hat, direkt vor meiner Hütte Kisten zu stapeln. Es folgen quälende Minuten des peinlich berührten Wartens, mit zusammengekniffenem Hinterteil harre ich – die Shorts bis zum Anschlag heruntergelassen – gekrümmt stehend aus, und als endlich wieder Stille herrscht, da kann ich nicht mehr, wie ich wollte.

So kommt es schließlich, dass mich die verdutzt dreinblickenden Augen eben jener Nonne neugierig mustern, als ich zögerlich aus dem Halbdunkel der Hütte in die Abendsonne hinaus schleiche und unsicheren Schrittes in Richtung Gästehaus davonwanke. Wenn erst die Nacht hereingebrochen ist, dann schlägt meine Stunde, soviel steht fest!


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