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21. Gipfelbesteigung

Am heutigen Tage wollen Andreas und Philipp bei günstigen Wetterverhältnissen auf den Gipfel des Berges Seorak, welcher immerhin 1708 Meter über dem Meer liegt, steigen. Da die Wanderkarte hierfür eine Gehzeit von insgesamt 14 Stunden veranschlagt, haben wir uns den Wecker auf 6 Uhr gestellt, damit wir nicht unter Zeitdruck geraten. Zwar ist es selbst bei frühem Aufbrechen theoretisch nicht schaffbar, noch bei Tageslicht zurückzukehren, aber wir rechnen fest damit schneller zu sein, da wir vermuten, dass die Gehzeit großzügig bemessen ist.

Unsere anfänglichen Wettersorgen sind nach einem kurzen Blick aus dem Fenster weggewischt. Noch zaghaft, jedoch mit zunehmender Kraft, blinzelt die Sonne zwischen den weiten Wolkenfeldern hindurch, durch deren Lücken man einen wunderbar blauen Himmel erkennen kann. Wir machen uns also sogleich daran, möglichst leise unsere Ausrüstung zu packen, da Richard und Miriam noch schlafen. Sie haben für heute andere Unternehmungen geplant.

Die Ausrüstung verstauen wir in einem Daypack: etwas Proviant, eine Flasche Wasser, Regenklamotten, Erste-Hilfe-Set sowie Kopflampen nehmen wir mit auf den Weg, damit dürften wir für die durchaus anspruchsvolle Tagestour angemessen ausgestattet sein.

Nach einem schnellen Cornflakesfrühstück brechen wir auf. Zuerst müssen wir wieder das Stück zum Ticket-Office an der Straße entlang zurücklegen, was wenig Abwechslung bietet. Gegen 7:30 Uhr erreichen wir den Eingang und erkundigen uns, ob die Wanderwege alle geöffnet seien, denn wir wollen unbedingt vermeiden, letztlich vor geschlossenen Wegen zu stehen, wie es uns am gestrigen Tage passiert war. Die hübsche Dame im Ticket-Office bejaht diese Frage kopfnickend, worauf wir der Holden bereitwillig das fällige Eintrittsgeld aushändigen und uns in Richtung Wanderweg aufmachen.

Die Morgensonne strahlt inzwischen nahezu ungehemmt auf uns hernieder, und die felsigen grünbewaldeten Berge, die sich um uns herum auftürmen, sind – ausgenommen die höchsten Regionen, die in einem weißgrauen Dunst verborgen liegen – im Vergleich zum eher trüben Vortag nun herrlich klar zu erkennen.

Die ersten 2 km des Wanderweges bewegen wir uns auf dem bestens ausgebauten Betonplattenweg, bis wir dann das Metalltor beim Felsen [Bild]Der gleiche Fels wie gestern - nur diesmal bei schönerem Wetter
Der gleiche Fels wie gestern
erreichen, welches uns gestern am Weitergehen gehindert hatte. Heute ist es offen, und unsere letzten Sorgen, wir könnten womöglich doch noch am Aufstieg gehindert werden, sind somit verflogen.

Wir folgen einem Bergfluss, der mit Getöse das enge Felsental hinabschießt, in dem wir uns schon seit einiger Zeit befinden und das uns auf dem immer steiler und profilierter werdenden Weg in zunehmend luftigere Höhen führt. Doch nicht allein der Weg ändert mehr und mehr sein Gesicht, auch die Menschen, die uns zahlreich begegnen, sind jetzt von anderer Erscheinung. Liefen wir zu Anfang noch an mit Badeschläppchen und Einheitslook ausgestatteten Horden vorbei, so begegnen uns nun vorwiegend vereinzelte und kleinere Grüppchen von koreanischen Wanderern, die dieser Bezeichnung auch gerecht werden. Sie tragen festes Schuhwerk und auffallend schwer bepackte Rucksäcke, so dass wir uns wundern, was wohl alles darin verpackt sein könnte. Vermutlich machen sie Mehrtagestouren.

Etappenweise besteht der Weg aus ungleichmäßigen Felsen und manchmal haben wir sogar leichte Schwierigkeiten überhaupt noch einen Weg zu erkennen. Um so unerwarteter ist es, wenn man dann plötzlich auf lange Stahlgerüsttreppen [Bild]Eine lange Treppe - mit Philipp
Eine lange Treppe
stößt, die an besonders unzugänglichen Stellen im Felsmassiv verankert sind und zum Teil derart langgestreckt nach oben [Bild]Stairway to heaven -
Stairway to heaven
führen, dass man kein Ende erkennt und meint, auf ihnen endlos emporsteigen zu müssen.

Zu beiden Wegseiten stehen Felswände steilgereckt dem Himmel entgegen, überall sind in kleinen Felsnischen Sträucher und Bäumchen angesiedelt, die dem gesamten Bild einen fast märchenhaften Anstrich verleihen. Die Schweißperlen tropfen uns von der Nasenspitze herab, unsere Shirts sind längst von Schweiß durchtränkt, schnaufend steigen wir die felsigen Stufen hinauf.

Wir verlassen nun das Felsental und begeben uns auf das steilste [Bild]Steiler Geröllweg -
Steiler Geröllweg
Wegstück, in welchem es, laut Wanderkarte, gleich drei Höhenlinien zu überwinden gilt. Auch in den Gesichtern der koreanischen Wanderer zeichnet sich die große Anstrengung ab, die zur Bewältigung dieses bis zu 45-prozentigen Anstieges nötig ist.

Wir stellen erstaunt fest, dass sehr viele Grüppchen älterer Koreanerinnen [Bild]Eine Gruppe Koreanerinnen -
Eine Gruppe Koreanerinnen
unterwegs sind. Wenn wir uns das schwere Profil der gerölligen und felsigen [Bild]Steiler Felsweg - mit Philipp
Steiler Felsweg
Anstiege vor Augen führen, fragen wir uns bewundernd, wie diese zierlichen älteren Damen den Strapazen gewachsen sein können. Nun, offensichtlich sind sie es. Überhaupt sind die älteren Koreaner in der Überzahl, einige jüngere bis mittelalte Männer und sehr wenige junge Koreanerinnen begegnen uns fortwährend. Fast alle Koreaner sind sehr freundlich und grüßen beim Vorbeilaufen lächelnd. Außer zahlreichen Grüßen bekommen wir den Hinweis, wir sollten doch möglichst vorsichtig sein, und von einem älteren Pärchen bekommen wir einen Apfel als Wegzehrung. Uns erscheint diese Offenheit und Freundlichkeit der Menschen nicht aufgesetzt, man freut sich hier schlicht darüber, einander zu begegnen.

Zwei Stunden strapaziösen Bergaufsteigens liegen hinter uns. Wir haben bereits zwei Drittel des gesamten Aufstieges bewältigt und sind somit weitaus schneller unterwegs als wir erwartet hatten, ganze drei Stunden liegen wir vor unserem Zeitplan.

Wir befinden uns jetzt auf dem Bergkamm [Bild]Auf dem Kamm zum Gipfel -
Auf dem Kamm zum Gipfel
, der zum Gipfel des Berges führt. Von hier aus bietet sich uns, hinab bis zum Meer, ein atemberaubendes Panorama [Bild]Grüne Berge und Felsen -
Grüne Berge und Felsen
über die gesamte umliegende Berglandschaft. Grünbewaldete Berge und vielfältig gezackte Felswände und Spitzen prägen das Gesamtbild [Bild]Felslandschaft -
Felslandschaft
.

Um das eindrucksvolle Felsmassiv Ulsan-Bawi [Bild]Ulsan-Bawi - ist das große Massiv in der Mitte des Bildes
Ulsan-Bawi
ranken sich verschiedene Geschichten. Eine Variante besagt, dass vor langer Zeit ein Gott einen wunderschönen Berg im südlichen Nordkorea bauen wollte. Aus diesem Grund rief er alle zusammen, die sich an diesem Berg beteiligen wollten, von kleinen Steinen bis hin zu riesigen Felsen. Ein großer in der Stadt Ulsan nahe Busan lebender Fels (Bawi) wollte auch dabei sein und machte sich auf den Weg. Doch er war zu langsam, und der Berg war schon vollendet. Heute heißt er Geumgangsan und gilt als der schönste Berg der koreanischen Halbinsel. Der Ulsan-Bawi war sehr enttäuscht. Aber er merkte, dass Seoraksan, wo er gerade war, auch sehr schön war, also ließ er sich hier nieder.

Die Felsen ändern auf Grund der wechselnden Sonnenbestrahlung verspielt ihr Gesicht, was herrlich anzuschauen ist. In der Ferne ist am Meer liegend die Stadt Sokcho [Bild]Blick nach Sokcho - da irgendwo sind jetzt Miriam und Richard unterwegs
Blick nach Sokcho
zu erkennen, sie mutet mit ihren gleichmäßig aufragenden Betonwohnsilos fast wie eine virtuelle SimCity-Stadt an.

Der Gipfel schließlich ist in einen dichten Dunstschleier gehüllt, ein starker und kühler Wind bläst uns um die Ohren. Es gibt hier oben tatsächlich so etwas wie ein Restaurant [Bild]Das Bergrestaurant - duckt sich unter den Wolken
Das Bergrestaurant
mit zugehörigem Helikopterlandeplatz, um die Versorgung aus der Luft zu ermöglichen. Vor dem Gipfelstein bietet sich uns ein wohlbekannter Anblick, Koreaner posieren, um Erinnerungsaufnahmen [Bild]Ein Soldat schießt - ein Gipfelfoto
Ein Soldat schießt
zu machen. Da wir keine Lust haben, uns in der Warteschlange einzureihen, verzichten wir auf ein Gipfelfoto und begnügen uns damit, die Fotografierenden selbst zu fotografieren und die Aussicht [Bild]Blick - vom Gipfel nach Sokcho
Blick
zu genießen.

Hernach suchen wir uns ein windgeschütztes Plätzchen und stärken uns mit Schokoriegeln und getrockneten Bananenscheiben. Nicht nur Koreaner leisten uns hier oben Gesellschaft, auch einige kesse Streifenhörnchen [Bild]Unser Gast -
Unser Gast
huschen um unsere Füße. Sie haben sich allem Anschein nach hervorragend darauf spezialisiert, den Wanderern ihren mitgeführten Proviant abzubetteln, was bei uns natürlich nicht weiter schwer ist. Wir verwöhnen sie sogar so sehr, dass sie am Ende nur noch Schokoriegelstückchen knuspern möchten und die Bananenscheiben ignorieren. Einige ganz unerschrockene fressen uns sogar direkt aus der Hand.

Nach zwanzig Minuten Rast machen wir uns gestärkt auf den Rückweg, die schweißnassen Shirts und der kühle, steife Gipfelwind lassen uns frösteln. Ein letztes Mal beschauen wir die mystischen Dunstschwaden und Wolken [Bild]Grüner Berg und Wolken -
Grüner Berg und Wolken
, die vom Wind über die Gipfelkämme und Berge getrieben werden. Erschöpfte Koreaner kommen uns entgegen, wir machen ihnen Mut und sagen, dass es nicht mehr weit ist bis zum Gipfel.

Der Abstieg wird anstrengender als wir uns dies vorgestellt hatten, die Knie schmerzen schon bald, und die teilweise sehr steilen und felsigen Passagen erfordern hohe Konzentration, allzu schnell gerät man sonst ins Rutschen. Dennoch kommen wir gut voran, wir genießen die schöne Aussicht [Bild]Paradiestal -
Paradiestal
und verabschieden uns zugleich von ihr. Schade, dass wir das Fernglas schon wieder vergessen haben, es hätte uns hier oben gewiss beste Dienste geleistet.

Die letzte Stunde unseres insgesamt vierstündigen Abstieges kostet uns nochmals einige Kraftreserven. War der Aufstieg noch vergleichsweise mühelos zu bewältigen, so machen sich die Belastungen der achtstündigen Gipfeltour nun umso deutlicher bemerkbar. Am Ende erscheinen uns die Schlusskilometer nahezu endlos, erschöpft und hungrig passieren wir die riesige Buddhastatue [Bild]Die riesige Buddhastatue - mit Rezitationen aus dem Lautsprecher
Die riesige Buddhastatue
, die heute dank Sonne schöner anzuschauen und zu fotografieren [Bild]Buddhas Kopf -
Buddhas Kopf
ist [Bild]Buddhas Hand -
Buddhas Hand
, und erreichen das Touristenzentrum, wir lechzen nach kühlem, süßem Getränk und einer deftigen Portion Bibimbab.

Für den Aufstieg haben wir knapp vier Stunden benötigt und für den Rückweg sogar ein bisschen länger. Zwar hatten wir damit gerechnet, die 14 Stunden ein gutes Stück zu unterbieten, trotzdem überrascht uns das ein bisschen.

Zurück im Hotel erfrischen wir uns mit einer kühlen Dusche und warten auf Richard und Miriam, die einen ereignisreichen Tag in der Sokcho verbracht haben. Den Rest des Abends verbringen wir gemütlich zusammen mit Kartenspielen.


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