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Richard über die DMZ

Der Tunnel [Bild]Heimliches Bild - in einem der dunklen Invasionstunnel, wo Fotografieren verboten ist
Heimliches Bild
sieht aus wie ein Kohlestollen. Der feuchte Stein zieht sich in zwei Meter Breite durch den Berg. Schwarze Kohleflecken bedecken die Wand. Nur gibt es weit und breit keine Kohle. Der Tunnel befindet sich auch nicht in irgendeinem Berg, sondern durchbohrt den letzten Eisernen Vorhang der Welt. Er befindet sich unter der vier Kilometer breiten Demilitarisierten Zone (DMZ), die Nord- und Südkorea entlang dem 38. Breitengrad trennt. Er ist der dritte von vier Tunneln, die Südkorea durch Bohrungen entdeckt hat. Ein übergelaufener Ingenieur hatte berichtet, dass seit 1972 zwanzig Tunnel geplant worden sind. Alle vier entdeckten Tunnel sind strategisch auf Seoul ausgerichtet. Durch den dritten, der auch Touristen zugänglich ist, könnten 10.000 schwer bewaffnete Truppen in einer Stunde marschieren. Sie ständen dann 44 km vor Seoul, könnten die Grenze aus dem Rückraum angreifen, Versorgungslinien zerstören oder in Seoul einfallen.

Die DMZ ist die am stärksten gerüstete Grenze [Bild]Ein Wachturm - durchs Fernglas
Ein Wachturm
der Welt. Das Grenzgebiet [Bild]Der Grenzstreifen -
Der Grenzstreifen
ist übersät mit schätzungsweise 1 Million Landminen. Mehr als 11.000 Artilleriegeschütze sollen auf Südkorea gerichtet sein. 650.000 südkoreanische Soldaten sowie 37.000 US-Soldaten stehen hier einer Million nordkoreanischer Soldaten gegenüber. Russische Soldaten gibt es hier schon seit dem Zusammenbruch des Realsozialismus nicht mehr. Die Geschichte scheint an Nordkorea vorbeigezogen zu sein. Nachdem es unter der sogenannten "Sonnenscheinpolitik" des südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-Jung von 1998 bis 2002 eine Annäherung gegeben hat, ist es nun wieder eisig kalt um die politischen Beziehungen der beiden koreanischen Länder geworden. Seit dem Koreakrieg 1950 herrscht offiziell immer noch Kriegszustand. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Nordkorea unter dem Diktator Kim Jong-Il erfolgreich mindestens eine Atombombe entwickelt hat. Seitdem Nordkorea den Atomwaffensperrvertrag 2003 einseitig aufgekündigt hat, sind die freundschaftlichen Beziehungen, die sich auf kultureller und wirtschaftlicher Ebene entwickelt haben, erheblich belastet.

Dieser Krieg ist eben kein Bürgerkrieg der Plünderei und des Mordes, wie er in Liberia geführt wird, sondern ein Krieg der Angst und der Bedrohung. Diese Angst wird jedoch von vielen Südkoreanern verleugnet: "Süd- und Nordkorea sind wie Bruder und Schwester, Japan ist ein Bekannter... Wenn ein Bruder zuschlägt, wen schlägt er? Seine Schwester oder den Bekannten?", werde ich rhetorisch gefragt. Nur hat der Bruder seine Schwester schon einmal geschlagen, vor 50 Jahren. In tiefergehenden Gesprächen erklären einige Südkoreaner doch, dass sie Angst haben vor der Bombe und dem Krieg, es ist jedoch eine so alltägliche Angst, dass sie durch ihre Dauerpräsenz ihren Schrecken verliert.

Derweil übt sich Nordkorea in Propaganda: Die Tunnel unter der Grenze werden wahlweise zu Kohleminen deklariert, oder es wird behauptet sie wurden von Südkorea gebaut. Nur belegen die Löcher, in denen das Dynamit steckte, um sie in den Felsen zu sprengen, die Baurrichtung gegen Süden. Kim Jong-Il, der ewige Präsident, "der General aus Stahl, der in hundert Schlachten hundert Siege errang", dessen Bild an jeder Hauswand klebt, führt das Land wie ein absolutistischer König. Als die alternde Mutter Stalin fragt, was er nun eigentlich sei, antwortete er: "Erinnerst du dich an den Zaren? So etwas Ähnliches bin ich.". Ähnliches müsste auch Kim Jong-Il antworten, der in feudalistischer Manier das Regime von seinem Vater übernommen hat. In Orwells "Farm der Tiere" wäre Kim Jong-Il wohl das menschlichste aller Schweine. Die von seinem Vater erfundene Juche-Politik der radikalen Autarkie hat dem Land schon viel Leid gebracht. 1996 war Nordkorea mit einer schweren Hungersnot konfrontiert, die Ende 1997 einen dramatischen Höhepunkt erreichte. Nordkorea akzeptierte schließlich Reislieferungen aus Südkorea – allerdings nur ohne Herkunftsbezeichnung. Die Propaganda aus dem "Paradies der Werktätigen" scheint jedoch nicht immer am 38. Breitengrad Halt zu machen.

Linke Südkoreanische Organisationen, einige Studenten und andere sind der Meinung, Südkorea sei zwar wirtschaftlich stärker, Nordkorea den Südkoreanern jedoch auf "spiritueller Ebene" überlegen. Auch die PDS-Abgeordnete Gabi Zimmer hat sich schon in Nordkorea umschmeicheln lassen und die Juche-Politik gelobt. Die meistens Südkoreaner wünschen sich jedoch eine friedliche Wiedervereinigung unter demokratischem Vorzeichen.

Großes Interesse herrscht an der deutschen Wiedervereinigung. Deutschland sei, so ein südkoreanischer Gartenarchitekt, "der Benchmark in Sachen Wiedervereinigung." Besonderes Interesse haben die Südkoreaner auch an den wirtschaftlichen Folgen der deutschen Wiedervereinigung. Westdeutschland musste eine Bevölkerung von einem Viertel ihrer eigenen Größe integrieren, das Verhältnis von Süd- zu Nordkorea liegt dagegen bei Eins zu Zwei. Auch war die Kluft der Wirtschaftskraft in Deutschland wesentlich geringer, als sie heute in Korea ist. Trotzdem waren die wirtschaftlichen Folgen in Deutschland massiv. Wie sich unter diesen Bedingungen eine koreanische Wiedervereinigung wirtschaftlich auswirken würde, lässt sich kaum abschätzen. Neben der Hoffnung auf eine Vereinigung des gespaltenen Landes und einer Linderung des traurigen Schicksals vieler geteilter Familien herrscht in Südkorea auch eine Angst vor dem Verlust des wirtschaftlichen Wohlstandes.

Nur sind die sanften Schritte in Richtung koreanischer Wiedervereinigung erst mal mit dem Problem der atomaren Ambitionen Nordkoreas konfrontiert. Der amerikanische Präsident Bush sagte bei einer Rede in der DMZ: "Wenn Satelliten nachts von der koreanischen Halbinsel Bilder machen, leuchtet der Süden im Licht. Der Norden ist fast komplett dunkel [...] Wir wollen, dass alle Koreaner im Licht leben." Nur hat er dies leider mit seinem "Konzept" von der "Achse des Bösen" nicht wahrscheinlicher gemacht. Das Problem der koreanischen Halbinsel ist die nordkoreanische Diktatur, nicht Amerika. Nur ist es fraglich, ob Konfrontationen der richtige Umgang ist mit einem paranoiden Führer, der ein ganzes Volk in Geiselhaft hat.

Der Ort von Bushs Rede war die Bahnstation Dorasan [Bild]Dorasan Station -
Dorasan Station
. Ein Ort, der symbolisch für die südkoreanische Hoffnung auf eine friedliche Wiedervereinigung steht. Die Station ist fertig eingerichtet samt Wartesaal und Abfahrtstafel. Auf einem Schild steht Pyeongyang [Bild]Einmal Pyeongyang, bitte - leider noch nicht möglich
Einmal Pyeongyang, bitte
. Nur enden die Schienen im Moment genau an der Military Demarcation Line. Noch hat der Norden den Anschluss nicht fertiggebaut. Doch auch wenn die Bahnlinie wie geplant in zwei Monaten fertiggestellt wird, ist der eiserne Vorhang noch lange nicht gelüftet. Vielmehr soll die Strecke den Süden mit einem Industriekomplex verbinden, der nahe der Grenze in Nordkorea gebaut werden soll. Außerdem sollen südkoreanische Touristen in organisierten Touren (für teures Geld) Pyeongyang und den nordkoreanischen Berg Baekdusan besuchen können. Unterdessen floriert die Natur in dem von Menschen unberührten demilitarisierten Grenzstreifen. Dort haben einige bedrohte koreanische Tierarten Zuflucht gefunden. Gelüftet ist der eiserne Vorhang erst, wenn die Landminen entfernt und auch die Menschen diesen Naturpark wieder besuchen können.


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