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Miriams Eindrücke von Holt, Yongsan und der gesamten Reise

Am letzten vollen Tag habe ich mich zusammen mit meinem Bruder aufgemacht, das Kinderheim Holt aufzusuchen, in dem ich gelandet war, nachdem man mich damals als Säugling in der Nähe einer Kirche gefunden hatte. Im-Seon hatte uns geholfen, den Weg dorthin herauszufinden.

Es regnete in Strömen, und so kamen wir etwas durchnässt dort an. Ich ging mit sehr gemischten Gefühlen dorthin, obwohl ich an sich keinerlei Erinnerungen an das Heim hatte, und doch schob ich diesen Besuch bis zuletzt hinaus. Auf dem Weg dorthin wusste ich nicht, was mich erwarten würde, und so war ich sehr froh, dass ich zusammen mit meinem Bruder gegangen bin.

Dort angekommen – dachten wir zu mindestens – schickte man uns in ein weiteres Gebäude. Ich dachte, dass wir direkt dort landen, wo sich auch die Waisen- und Findelkinder aufhalten, doch sah ich keins. Es waren – so mein Eindruck – eher Bürogebäude. Die Menschen, die dort arbeiten, waren sehr nett zu mir und meinem Bruder und halfen uns, wo sie konnten. Mit etwas Wartezeit und der Erklärung, dass wir eigentlich einen Termin hätten ausmachen müssen, kümmerten sie sich dann doch um mich und meine Akte.

In dem Zimmer, in dem geredet wurde, lag ein Buch, in das man sich eintrug, damit sie verfolgen können, wer sich alles direkt bei Holt meldete und auch aus was für Gründen. Auch ich trug mich dort ein, doch wusste ich gar nicht genau, weshalb ich gekommen war, denn ich hatte meine Akten schon von meinen Eltern bekommen. Aus diesen konnte ich entnehmen, dass es an sich aussichtslos ist, meine leibliche Mutter finden zu können, und doch ging ich zu Holt. Vielleicht in der Hoffnung, dass sie doch noch etwas besaßen, was ich nicht wusste. Da ich keinen Termin ausgemacht hatte, konnte sich die zuständige Angestellte nicht vorher über mich informieren bzw. die eigentliche Angestellte, die auch unter anderem meine Akte "betreute", war nicht da oder beschäftigt. Doch war das kein Problem, und die Dame, die mit meinem Bruder und mir redete, probierte ihr Möglichstes und versprach weiterzugeben, dass ich da gewesen bin, und sie schicken mir per Mail, ob nicht vielleicht doch noch etwas Neues über meinen Ursprung herausfindbar sei. Das lösten sie später auch ein.

Mit sehr durchmischten Gefühlen verließ ich das Gebäude und musste erstmal eine Zigarette anstecken und tief durchatmen. Was mir sehr geholfen hat, war, meinen Bruder bei mir zu haben, für den das alles aus seiner Sicht auch nicht so einfach gewesen sein muss, mit seiner Schwester nach ihrer Vergangenheit zu "stöbern". Nachdem ich mich wieder gefasst hatte, machten wir uns auf und suchten die Gegend, in der ich aufgefunden worden war. Es regnete immer noch. Wir mussten mit der U-Bahn noch ein ganzes Stück fahren.

Als wir aus der Station wieder ans Tageslicht kamen, regnete es in Strömen. Wir waren im richtigen Viertel, doch stellte sich die Suche nach der richtigen Straße als sehr schwierig heraus, und dazu auch noch der Regen. Wir liefen und liefen und fragten eine Frau, und sie lief ein Stück mit uns, und wir fragten wieder, und wir liefen. Es stellte sich heraus, dass es die Straße mit der damaligen Bezeichnung nicht mehr gab, und in Korea sind die Sraßenbezeichnungen und Hausnummern nicht so ordentlich (gewesen), wie es in Deutschland der Fall ist.

Nach einigem Hin und Her näherten Andreas und ich uns aber dem Ort und der Kirche, bei der ich gefunden worden war, immer mehr. Dieser Stadtteil [Bild]Blick zum Neubauviertel - links könnte die gesuchte Kirche sein!
Blick zum Neubauviertel
war auf der einen Seite schon das typisch moderne Seoul geworden mit lauter großen Wohnsilos, die wir auch schon sofort bemerkt hatten, als wir aus der U-Bahn-Station gekommen waren, und vor allem waren uns auch die patrouillierenden Polizisten [Bild]Am Rande des Viertels - patrouilliert die Polizei
Am Rande des Viertels
aufgefallen. Dieses Viertel war ein Fremdenviertel geworden und wohl sehr gefährlich. Mit Fremdenviertel meine ich, dass hier vorwiegend nicht-koreanisch aussehende Menschen wohnen.

Auf der anderen Seite der großen Straße, die das Viertel teilte, waren noch wie vor 20 Jahren die kleinen verwinkelten Gassen und Häuschen, jedoch waren die meisten zerfallen und glichen eher einer Müllhalde [Bild]Eingestürzte Baracken - wurden zur Müllhalde
Eingestürzte Baracken
. Und doch sah man zwischendurch immer wieder Blumentöpfe mit Pflanzen. Ein paar wenige Häuser waren doch auch noch bewohnt.

Wir sahen eine Kirche und versuchten, dorthin zu kommen. Es gelang uns aber nicht, denn immer wenn wir dachten, wir würden zu ihr gelangen, wenn wir diese und jene Gasse [Bild]Ein Labyrinth - von Gassen und Häuschen
Ein Labyrinth
entlang gehen, verloren wir sie entweder aus den Augen, oder wir entfernten uns von ihr. Da es noch immer regnete, hatten wir nicht die Ausdauer, sie wirklich noch aufzusuchen und mehr Fotos zumachen, so dass es leider sehr wenige Fotos von den alten Gassen [Bild]Häuserreihe -
Häuserreihe
gibt.

Die Straße, auf der ich aufgefunden worden war, die in der Nähe dieser Kirche sein sollte, gab es wohl nicht mehr, denn der Bereich, wo sie hätte ungefähr sein sollen, war jetzt mit Zaun und Stacheldraht abgeriegelt, und dahinter befand sich ein irgendwie wichtig aussehendes Gelände mit irgendwelchen Gebäuden.

So machten mein Bruder und ich uns nach der mehr oder weniger erfolgreichen Suche wieder auf den Weg zu meiner "Tante" Im-Seon. Ich habe zwar nicht die Straße gefunden und nicht vor der Kirche gestanden, auf bzw. vor der ich gelegen habe, doch habe ich einen Eindruck erhalten, wie es "damals" in Seoul ausgesehen haben könnte. Und ich bin sehr froh und erleichtert, dass ich es doch noch geschafft habe, mich aufzuraffen, zu Holt und dem Viertel zu gehen, in dem ich sehr wahrscheinlich auch geboren worden bin.

Inzwischen ist es genau ein Jahr her, dass ich zusammen mit meinem Bruder und zwei Freunden in Korea war und diese Reise gemacht habe. Sie hat bei mir und in mir sehr viel verändert. Ich denke gerne an diese Reise zurück, denn sie war und bleibt etwas ganz Besonderes, und ich denke, nicht nur für mich, sondern auch für meine Mitreisenden. Denn es war nicht einfach nur eine Reise in eine andere Welt oder Kultur, sondern auch eine Reise in die Vergangenheit, wenn man das so ausdrücken kann. Oft gingen vor allem mir die Nerven durch, und es gab kleinere und größere Spannungen zwischen allen mit mir Mitreisenden. Aber jetzt im Nachhinein denke ich, dass diese einfach dazu gehörten, und Gott sei Dank verstehen wir vier uns noch immer, wenn nicht sogar beser. Die Reise war sehr aufregend, so war es für mich nicht unbedingt die erste Reise ohne Eltern, jedoch die erste Reise in das Land, in dem ich so aussehe wie jeder. Diesmal waren meine Mitreisenden die Exoten, und ich musste grinsen, weil sie nun angestarrt wurden. Was besonders toll war, ist, dass wir die meiste Zeit bei und in koreanischen Familien unterkommen konnten, wofür ich sehr dankbar bin. Und auch für alles, was ich auf dieser Reise erfahren durfte, die vielen lieben und netten Menschen, die sich um mich gekümmert haben und mir ein Gefühl des großen Interesses und der Zugehörigkeit vermittelt haben. Natürlich bin ich auch dankbar dafür, dass mein Bruder und Richard und Philipp all das mit mir zusammen unternommen und durchgestanden haben, denn sicherlich haben sie nicht mit einer so heftigen "gefühlsbestimmten" Reise gerechnet. Ich habe sehr oft an diese wunderbaren Reise gedacht und werde noch häufig an sie denken und an all die, die an ihr beteiligt waren. Seien es jene, die bei der Organisation und der Reiseplanung im Vorfeld geholfen haben, jene, die mich und die anderen drei auf der Reise begleitet haben, oder all diejenigen, die sich für diese Reise interessieren.

Ich hoffe sehr, dass ich bald wieder nach Korea reisen und all die Menschen wiedertreffen kann, die sich um uns gekümmert haben. Danke für alles, was ich erleben durfte.



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